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Kräfte, die den Wind drehen

Kräfte, die den Wind drehen

Es war einmal ein Land. Nicht besonders groß, aber es lebten recht viele Menschen dort. Von diesen Bewohnerinnen und Bewohnern hieß es, dass sie vor allem ihre Autos liebten und vielleicht noch wahlweise ihre Familie, ihr Haustier, Fußball oder ihren Job. Doch eines Tages kamen Menschen, die waren anders. Sie waren grau im Gesicht vor Erschöpfung, und all ihr Hab und Gut passte in einen Rucksack oder in eine Plastiktüte. Es war Sommer, und die Bewohnerinnen und Bewohner des Landes standen auf, um denen zu helfen, die ganz offensichtlich Hilfe brauchten. Sie streckten den Schutzsuchenden ihre Hände entgegen, in einer offenen Geste des Willkommens. Sie sammelten Kleidung, kochten, manche boten sogar ihr Sofa als Ruhestätte zur Erholung der Erschöpften. Das Herreichen von Kuscheltieren an Bahnhöfen erschien zwar lächerlich im Vergleich zu dem Schmerz, der damit versucht wurde zu lindern. Aber auch das war ein Ausdruck des Willens zu helfen, wo die Hilflosigkeit sonst so groß war. Da schauten sich die Menschen ungläubig an und bemerkten, wie gut Geben tut und wie befriedigend das Gefühl der Gemeinschaft ist. Und die Menschen sahen auch: Wir sind viele! Wir sind viele, die ein freundliches, weltoffenes und empathisches Deutschland wollen und leben! Wir sind viele, denen das Leid anderer nicht egal ist und die in diesem Sommer aufstanden und sich an die Arbeit machten.

Doch als der Herbst über das Land kam, begann ein kalter Wind zu wehen, der sich gegen die Menschen und ihre neuen Nachbarn wandte. Er kam erst unmerklich, wurde aber schnell stärker und lauter. Sicherheitsexperten stellten Grundrechte in Frage, Krisenmanager verschärften Gesetze, Ausgrenzerinnen forderten Schießbefehle. Da schauten sich die Menschen erneut ungläubig an und bemerkten: Nicht alle finden Geben und Gemeinschaft gut – warum das so war, konnten sich die Menschen vielleicht denken, verstanden haben sie es nicht. Aber sie nickten sich aufmunternd zu und öffneten trotz kaltem Wind ihre Türen, rissen Zäune ein und bauten Brücken – und so tun sie es bis heute. Dabei drehen sie unmerklich, aber unaufhaltsam am Rad der Geschichte. Sie knüpfen Bande, während andere warnen. Sie schließen Freundschaften, wo andere Terror wittern. Sie sind solidarisch, wenn andere in den Krieg abschieben. Es sind vielleicht weniger Menschen als in jenem denkwürdigen Sommer – aber es sind nicht wenige.

Einst sagte Willy Brandt: „Wo immer schweres Leid über die Menschen gebracht wird, geht es uns alle an. Vergesst nicht: Wer Unrecht lange geschehen lässt, bahnt dem nächsten den Weg.“ In diesem Sinne empfinde ich es als meine Pflicht für eine friedliche, gerechte und menschenwürdige Gesellschaft zu kämpfen – für mich, für meine Kinder und für alle, egal welchen Aufenthaltsstatus sie haben. Denn – und ich zitiere weiter:

„Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum – besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.“

Wir haben uns auf unsere Kraft besonnen.
Wir beantworten Krisen mit Kreativität, Unwissenheit mit Neugier, Ausgrenzung mit Zusammenhalt.
Wir sind auf der Höhe der Zeit.
Das ist unsere Stärke gegen den kalten Wind, und je mehr wir sind, umso eher wird er sich drehen.

Text: Vera Schöpfer, Willkommen in Nippes und Sprecherin des Arbeitskreises Politik der Kölner Willkommensinitiativen. Beitrag für die Veranstaltung „Unsere Entscheidung!“ der Kölner Willkommensinitiativen, der Aktion Neue Nachbarn, dem Katholischen Bildungswerk und dem Forum für Willkommenskultur am 20.9.2017 im Kölner Domforum.

Erstellt am 23.12.2017 von

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